Die Norwegische Kirche

Die Norwegische Kirche, eine evangelisch-lutherische Volkskirche, ist die größte Glaubensgemeinschaft in Norwegen.

Rund 73 % der Bevölkerung sind Mitglied der Kirche (2015).  Die Norwegische Kirche nimmt weiterhin eine wichtige Stellung im religiösen Leben der Menschen und in der Gesellschaft ein.


Geschichte
Das Christentum gelangte, in erster Linie von den britischen Inseln und Deutschland kommend, im Mittelalter nach Norwegen. Als entscheidende Identifikationsfigur ist König Olav Haraldsson zu nennen, der im Kampf um die Einigung und Christianisierung Norwegens im Jahre 1030 in der Schlacht bei Stiklestad fiel. Aus dem König wurde kurze Zeit später der Heilige Olav, der Nationalheilige Norwegens. Die Christianisierung war im Laufe des 12. Jahrhunderts abgeschlossen, Norwegen wurde eigenständige Kirchenprovinz, der Nidarosdom in Trondheim war Erzbischofssitz und kirchliches Zentrum.

Mit der Reformation 1536–1537 geriet Norwegen unter das landesherrliche Kirchenregiment des dänischen Königs. In den Folgejahren wurde die konfessionelle Grundlage geregelt, es gelten die drei altkirchlichen Bekenntnisse, die Augsburger Konfession und der Kleine Katechismus Martin Luthers als Bekenntnisgrundlage. Es bleibt festzuhalten, dass die Reformation ‚von oben her‘ eingeführt wurde, nicht Ausdruck einer Bewegung in der Gesellschaft war, Sitten und Gebräuche änderten sich demnach langsam.

Das neue Grundgesetz von 1814 darf als moderne Verfassung gelten, die auf den Prinzipen der repräsentativen Demokratie aufbaut, jedoch wurde die Rechtsgrundlage der Kirche bestätigt und die Religionsfreiheit nicht im Gesetzestext verankert. Das landesherrliche Kirchenregiment wurde dadurch gesichert, dass der König auf die lutherische Konfession verpflichtet ist und die Mitglieder der Regierung (seit 1884 zu mehr als der Hälfte) der Kirche angehören müssen.

Erst nach und nach konnte sich ein synodales System in der Norwegischen Kirche durchsetzen, seit 1920 gibt es Kirchenvorstände, seit 1933 Diözesanräte, seit 1969 einen zentralen Kirchenrat und seit 1984 eine Generalsynode.

Dieses Reformen brachten es mit sich, dass die Kirche mehr und mehr Aufgaben und Befugnisse vom Staat übernehmen konnte, und über viele Jahrzehnte wurde die Trennung von Staat und Kirche, auch in verschiedenen staatlichen und kirchlichen Ausschüssen, diskutiert. 2008 beschloss das norwegische Parlament das Verhältnis von Staat und Kirche auf eine neue Grundlage zu stellen und die notwendige Verfassungsänderung erfolgte am 21. Mai 2012. Der König, noch immer an die Bekenntnispflicht gebunden, ist nicht mehr formelles Oberhaupt der Kirche und die Bestimmungen zur Regierungsbildung sind aufgehoben.

Seit dem 1. Januar 2017 gilt die Norwegische Kirche als juristische Person, steht in allen Belangen frei vom Staat, wird aber weiterhin finsanziert durch kommunale und staatliche Zuweisungen.

Organisation
Die grundlegende Einheit der Norwegischen Kirche ist die Gemeinde, im ganzen Land gibt es etwa 1200 Pfarrbezirke, diese werden von einem Pfarrer/einer Pfarrerin und einem gewählten Kirchenvorstand geleitet.

Die elf Diözesen werden ihrerseits von einem Bischof/einer Bischöfin und einem gewählten Diözesanrat geleitet, die Mitglieder der Diözesanräte sind durch ihre Wahl Mitglieder der jährlich zusammenkommenden Generalsynode. Dieser gehören neben anderen und neben den Mitgliedern der Diözesanräte auch Vertreter der theologischen Ausbildungsinstitutionen an. Der Kirchenrat ist die Exekutive der Generalsynode und unterhält ein zentrales Kirchenamt in Oslo.

Die Gemeinden
Es gibt über das Land verteilt etwa 1600 Kirchen und Kapellen, die ältesten sind die Stabkirchen und auch einige Steinbauten aus dem Mittelalter, daneben gibt es aber auch neuere und sehr moderne Kirchen, gerade in den größeren Städten.

Der Sonntagsgottesdienst wird normalerweise um 11 Uhr gefeiert, in der Regel wöchentlich, auf dem Lande auch seltener, da dort mehrere Kirchen/Kapellen von einer Pfarrerin/einem Pfarrer zu betreuen sind. Im Durchschnitt kommen auf jede Pfarrstelle etwa 4000 Gemeindeglieder, die Anzahl der Pfarrstellen ist, an der Anzahl der Mitglieder gemessen, nicht hoch.

Der Gottesdienstbesuch variert lokal. Im Durchschnitt werden 100 Mitfeiernde gezählt, prozentual gesehen nehmen etwa 2-3 % der Mitglieder am sonntäglichen Gottesdienst teil.

Etwa 58 % der Kinder werden getauft, ein ähnlich großer Anteil der Jugendlichen wird in der Norwegischen Kirche konfirmiert, auch hier sind die lokalen Variationen beträchtlich, gerade in den städtischen Gebieten fällt die Teilnahme stark. Stabil liegt die Zahl der Eheschließungen, im Jahr bei etwa 8 500 Paaren (38 %). Die Zahl der Beerdigungen ist hoch, etwa 90 % aller Beerdigungen geschehen in Regie der Kirche.

Das Gemeindeleben ist in der Regel auf Freiwilligkeit angewiesen, fast alle Gemeinden bieten Gruppen für Kinder und Jugendliche, Chöre und/oder andere musikalisch-kulturelle Aktivitäten an.

Das diakonische Bewusstsein ist stark.

Spezifika norwegischer Kirchlichkeit
Die Norwegische Kirche ist durch eine starke, oft pietistisch geprägte Laienbewegung gekennzeichnet, die ein kirchliches Vereinswesen und die Gründung von Missionsorganisationen förderte. Diese Organisationen betreiben bis heute eine weitreichende Arbeit in der Norwegischen Kirche und ihren Gemeinden, sind aber der Kirche formell nicht unterstellt.

Durch diese Wurzeln wird es verständlich, dass auch heute noch etwa 1 000 Missionare/Missionarinnen aus Norwegen in Asien, Afrika und Südamerika tätig sind.

Inspiriert durch diakonische Einrichtungen gerade in Deutschland, wurden in Norwegen im 19. Jahrhundert Krankenhäuser, Stadtmissionen und Schulen eingerichtet, als Faktor im Gesundheits- und Sozialwesen ist ihr Anteil noch immer wichtig, zahlenmäßig aber gering, denn das Gesundheits- und Sozialwesen ist grundsätzlich in öffentlicher Hand organisiert.

Andere wichtige Organisationen sind die Norwegische Bibelgesellschaft, die sowohl in Norwegen, aber auch im Ausland tätig ist, und die Kirchliche Nothilfe (Norwegian Church Aid, Mitglied des Bündnisses act international – action by churches together).

Als Erbe der Seenation Norwegen gibt es zahlreiche Norwegische Kirchen im Ausland, offiziell ist es die in Bergen ansässige Organisation "Die Seemannskirche – Norwegische Kirche im Ausland", die die Verantwortung für diese trägt.

Kirchliche Reformarbeit
In den letzten Jahren sind in der Norwegische Kirche drei große Reformen in Gang gebracht worden.
Zunächst ist die schon oben angesprochene Trennung von Staat und Kirche zu nennen, die formell abgeschlossen ist, bei der gleichwohl wichtige Schritte noch ausstehen. Diese Schritte betreffen vornehmlich die innere Organisation der Kirche.

Im Jahre 2003 wurde, noch vom norwegischen Parlament, die Reform der Glaubenserziehung beschlossen. Diese soll alle Gemeinden in die Lage versetzen, als Ersatz für den konfessionell gebundenen Religionsunterricht in der Schule, adäquate Angebote für alle Kinder und Jugendlichen zwischen null und 18 Jahren anzubieten.

Die letzte große Reform wurde von der Generalsynode 2011 auf den Weg gebracht, eine Reform des gottesdienstlichen Lebens, mit der man sich ein Stück vom Erbe des deutschen und dänischen Luthertums entfernt und der Gemeinde, durch den Kirchenvorstand, erstmals weiterreichende Befugnisse den Sonntagsgottesdienst betreffend einräumt. Die methodischen Kernbegriffe der Reform sind Ortsgebundenheit, Flexibilität und Beteiligung.

Ökumenische Arbeit
Die Norwegische Kirche beteiligt sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs aktiv an der zunehmenden interkirchlichen Gemeinschaft, sie ist Mitbegründerin sowohl des Lutherischen Weltbundes als auch des Ökumenischen Rats der Kirchen. Die Norwegische Kirche ist Mitglied der Porvoo-Gemeinschaft und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (Leuenberg) und hat mit den angeschlossenen Kirchen volle Kirchengemeinschaft vereinbart.

Der Zwischenkirchliche Rat der Norwegischen Kirche koordiniert die Kontakte mit anderen Kirchen im In- und Ausland. Der Rat behandelt auch aktuelle internationale Fragen für die Norwegische Kirche.
Die Kontakte zur römisch-katholischen Kirche dürfen als gut bezeichnet werden, auch mit der Pfingstbewegung, der Evangelisch-Lutherischen Freikirche, der Methodistischen Kirche und der Baptistunion gibt es regelmäßige Kontakte.

In den letzten Jahren rückt das Verhältnis zu den Gemeinden anderer Sprache und Herkunft in den Fokus der kirchlichen Strategien.